Autor Thema: Plattenepithelkarzinom bei der Katze  (Gelesen 26375 mal)

Anonym

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Plattenepithelkarzinom bei der Katze
« am: 20. Januar 2011, 19:52:50 »
Hier ist ein Erfahrungsbericht unseres Mitglieds Nathalie, die mit ihrem Kater Boubou gegen die meist von vornherein als unheilbar eingestufte  Tumorerkrankung Plattenepithelkarzinom erfolgreich gekämpft hat.

Vorab aber einfach mal einige Anmerkungen dazu, denn es ist leider nicht unter allen Umständen für jeden machbar, sie schreibt es selber in einer ganz persönlichen Stellungnahme:


Boubou hatte viel viel viel viel Glück.... 

Wie unsere Geschichte zeigt, ist die Diagnose Plattenepithelkarzinom nicht unbedingt eine tödliche.

Bitte bedenkt einfach, dass nicht alle die Möglichkeit haben ihren Katzen eine solche Behandlung zukommen zu lassen. Es braucht dazu die Spezialisten, Geduld, Zeit und nicht zu vergessen, viel Geld. Wäre eine meiner anderen Katzen erkrankt, ich weiss nicht ob ich das ganze Prozedere mitgemacht hätte. Nicht weil ich sie weniger liebe als meinen Piraten, aber es braucht dazu eine Katze die psychisch absolut stabil ist und alle diese Behandlungen ohne zu murren über sich ergehen lässt.

 Die Behandlung war nicht nur für Boubou sehr anstrengend, ich war mit den Nerven auch ziemlich fertig, die ganze Unsicherheit ob ich das Richtige mache oder ob ich ihn plage, und im Hinterkopf auch immer der Gedanke, dass ich nicht ganz dicht bin für eine solche unsichere Geschichte meine gesamten Erspanisse auszugeben. Versteht mich nicht falsch, ich bereue nichts! Aber es war ein sehr sehr anstrengendes Jahr, für uns alle.

Trotzdem, wenn alle Faktoren zusammen stimmen, nicht aufgeben!


Und hier ihr beeindruckender Bericht, den sie uns zur Verfügung gestellt hat, danke dafür.


Hier möchte ich euch von meiner Erfahrung mit Boubou's Plattenepithelkarzinom (PEK) berichten.

Boubou ist mein Lebenskater, als die Diagnose gestellt wurde war er 16 Jahre alt. Ich hatte beobachtet, dass er auf einer Seite neben der Nase einen "Bollen" unter der Haut zu haben schien, zuerst dachte ich, vielleicht war da eine Biene am Werk? Oder Problem mit einem Zahn? Er hatte keine Schmerzen, man konnte darauf rumdrücken, keine Reaktion. Irgendwann bin ich dann doch zum TA, ich hatte das Gefühl dass es vielleicht doch ein Abzess sein könnte. Die TÄ hat schnell festgestellt dass es keine Entzündung ist und hat eine Biopsie gemacht. Eine Woche später das niederschmetternde Ergebnis: PEK. Ich konnte mir nichts darunter vorstellen.... der TA hat mir auf Nachfrage erklärt, dass der Tumor sehr schnell wachsen, irgendwann durchbrechen und aufplatzen würde, das wäre gar nicht schön und der Kater könne dann nicht mehr fressen. Der Tumor sitze an einem Ort an dem man nicht mehr operieren könne da er auch schon zu gross sei. Prognose: noch acht Wochen. Was bedeuten würde, dass ich meinen Kater Ende Mai verlieren würde......

Eine Bekannte machte mich darauf aufmerksam, dass vor Kurzem in der Schweiz die führende Onkologin vom Tierspital Zürich eine eigene Klinik eröffnet habe. Auf Nachfrage bei meinem TA meinte er nur lakonisch "da müssen Sie die grosse Geldbörse mitnehmen"... Er meinte aber auch, wenn Boubou jemand helfen könne, dann Frau Prof. Kaser-Hotz, sie sei quasi die Päpstin der Onkologie. Ich solle mir aber keine grossen Hoffnungen machen.

Naja, ich hatte ja nichts zu verlieren. Ich habe sofort einen Termin bekommen, die Klinik ist ca. 1.5 Std. von meinem Wohnort entfernt. Ich also mit Boubou hin, wo er nochmals gründlich untersucht wurde, Röntgenbilder, Blutbild. Die Professorin und ihr Team waren supernett, sie haben mir alles erklärt, und zwar so dass ich auch ohne medizinische Ausbildung verstehen konnte. Diese Art Tumor hat eigentlich nur etwas Gutes: Er macht in der Regel keine Metastasen. Das wars aber auch schon an guten Nachrichten. PEK's sind extrem aggressiv, sie verdoppeln ihre Grösse innerhalb von 5 bis 10 Tagen.Boubou's Tumor hatte bereits einen Durchmesser von 1.5 cm. Für eine Bestrahlung war der Tumor zu gross. Und man hat mir auch ehrlich gesagt, dass keine grosse Hoffnung besteht.

Das Team war aber gerade dabei, eine Studie zu machen mit einem Wirkstoff, bei dem eine Nebenwirkung festgestellt worden war: sie war krebshemmend oder sogar krebsmindernd. Die Ladies haben mich gefragt, ob ich bereit wäre, Boubou quasi als "Versuchsobjekt" zur Verfügung zu stellen. Auch hier war das Team sehr offen und ehrlich, sie meinten dass die Chance, dass es eine Verbesserung gibt, bei 50 % liege. Der Wirkstoff (Thalidomid) von dem die Rede war ist in den 60er Jahr zu trauriger Berühmtheit gekommen, er wurde im Schlafmittel Contergan verwendet. Nebenwirkungen seine keine zu Erwarten, ausser dass der Kater eher müde sein würde. Ich hatte nichts zu verlieren.... ich habe die Kapseln mitgenommen. Boubou schien zu spüren dass die Medikamente ihm helfen könnten, er liess sich die Kapseln anstandslos einwerfen.

Ich musste jede Woche mit dem Kater in die Kontrolle, und was man schon sehr bald sah war, dass der Tumor tatsächlich nicht mehr wuchs, im Gegenteil, nach drei Wochen war der PEK tatsächlich ein bisschen geschrumpft! Nach fünf Wochen kam es dann zum Stillstand. Die Prof hat mir dann erklärt, dass jetzt eine Bestrahlung in Betracht gezogen werden könne, denn das Thalidomid würde jetzt nicht mehr dafür sorgen, dass der Tumor weiter schrumpft, im Gegenteil, ein Wachstum könne nicht mehr aufgehalten werden.

Bestrahlung würde bedeuten, dass Boubou während fünf Tagen stationär in der Klinik bleiben und zweimal am Tag bestrahlt würde. Dafür müsste er jeweils in eine Kurznarkose gelegt werden. Und die Kosten wären enorm. Erfolgsaussicht fifty/fifty. Und die Bestrahlung müsse rasch erfolgen.

Ich habe mir die Entscheidung nicht leicht gemacht, denn diesmal würde auf Boubou Einiges zukommen, einerseits wäre er eine Woche in der Klinik, anderseits sind Narkosen in diesem Alter kein Spaziergang, und nach der Bestrahlung würden Nebenwirkungen auftreten, die nicht ohne sind. Ich habe meinen Kater gefragt: was meinst du, magst du mitmachen? Er hat mich immer angeschaut als wolle er sagen: was immer du entscheidest, für mich geht das so in Ordnung. Eine schlaflose Nacht später war klar: wir machen es!

Boubou hat die ganze Prozedur gut überstanden, und die ersten zwei Wochen nach der Bestrahlung keine Nebenwirkungen gezeigt. Danach gings allerdings los, es bildeten sich hässliche Nekrosen.






Boubou erhielt Cortison, und die Nekrosen sind schnell wieder verheilt. Dieses Bild habe ich zwei Tage nach dem vorherigen aufgenommen:




Eine Woche später sah die Wunde so aus, die Grösse des Tumors lässt sich einigermassen erahnen:




Eine Woche später waren die offenen Stellen gut verheilt.

Und langsam hatte man das Gefühl, dass der Tumor tatsächlich langsam weiter schrumpfte! Aber nach ca. 4 Wochen kam es wieder zum Stillstand.... der Chirurg hat sich das Ganze angeschaut, leider konnte er keinen guten Bericht geben. Der Tumor sei immer noch zu gross um entfernt zu werden, die Stelle wo der Tumor sitzt hat nicht genug Haut, um die Wunde zu schliessen wenn der Knoten herausgeschnitten würde. Plötzlich meinte eine Ärztin: jetzt versuchen wir es noch mit Bleomycin! Chemotherapie????

Zum Glück haben Tiere nach Chemotherapien praktisch keine Nebenwirkungen. Die Ärztin sagte wieder sehr offen und ehrlich, die Chancen dass es etwas bringt wären 50 %, und wir wüssten nach der dritten Spritze, ob es etwas nützt. Also eine neue Therapie.... eine Woche nach der ersten Chemo waren Boubou's Blutwerte so schlecht, dass wir die Chemo unterbrechen mussten. Wieder eine Woche später hatten sich die Werte normalisiert und wir konnten mit der Therapie fortfahren. Fünf Wochen und Spritzen später hat sich der Chirurg den Knoten wieder angesehen, und diesmal war er klein genug, um entfernt zu werden!!!!

Wieder eine Narkose, und diesmal ein grosser Eingriff. Kosmetisch würde es nicht besonders schön aussehen, wurde ich vorgewarnt, und wenn sie nicht in der Lage wären, den Tumor rückstandslos zu entfernen, dann wäre alles umsonst. Die Onkologin hat nachdem der Tumor herausgeschnitten wurde noch direkt in die offene Wunde eine Chemo gemacht, der Tumor wurde eingeschickt, 10 bange Tage warten bis wir den Patho-Bericht bekommen. Boubou blieb über Nacht in der Klinik, ich konnte am nächsten Tag einen sehr munteren Patienten abholen. Er trug einen Halskragen, den ich ihm aber kaum Zuhause angekommen abgenommen habe. Ich hatte einen neuen Kater vor mir, er hielt den Kopf hoch, seine Körperspannung war anders, er frass und trank und hat die Wunde nie auch nur angerührt. Ich habe meinem Partner gesagt, ich glaube der weiss dass er wieder gesund wird, war aber vorsichtig, da wir noch nicht wussten, ob wirklich der ganze Tumor weg war.

Zehn Tage später die erlösende Nachricht!!! Keine Rückstände, der PEK war vollständig entfernt! Sowohl die Ärztin wie ich haben am Telefon geheult als sie mir die gute Nachricht mitteilte.

Zusammenfassend kann ich sagen, ich bin während 10 Monaten wöchentlich mit Boubou in die Klinik gefahren, musste immer einen halben Tag freinehmen, und mein Arbeitgeber hatte absolut kein Verständnis - ich habe sogar meinen Job verloren zum Schluss. Ein super eingespieltes Ärztinnen-Team, motiviert, engagiert, liebevoll, offen und ehrlich und für mich Tag und Nacht erreichbar. Eine tolle Zusammenarbeit mit den Chirurgen. Ein Kater, der geduldig alles mitgemacht hat. Das hat uns schliesslich den Erfolg gebracht. Die Kosten? Ein fünfstelliger Betrag. Aber das war es mir wert. Heute sind bald zwei Jahre vergangen seit wir die Diagnose bekommen haben. Boubou war für das Onkologie-Team sicher ein "Versuchskaninchen", aber sie haben ihn nie als solches behandelt, und mich nie gedrängt etwas zu tun, und es war von Anfang klar, dass wir alles möglich tun würden, solange der Kater mitmacht und keine unerträglichen Schmerzen hat. Hätte ich auch nur eine Sekunde das Gefühl gehabt dass Boubou gehen möchte, ich hätte die ganze Übung sofort abgebrochen.

Das Schöne an der Odyssee? Dank den Erkenntnissen die aus der Behandlung von Boubou gewonnen wurden, konnten bereits andere Katzen gerettet werden. Die Behandlung konnte gestrafft werden, die Kosten halten sich in Grenzen (naja...) Und noch heute melden sich die Ladies und fragen nach, wie es Boubou geht.

Heute ist die Wunde gut verheilt, natürlich sieht es nicht schön aus, aber Boubou nimmt an keinem Schönheitswettbewerb teil. Er wird dieses Jahr 18 Jahre alt, er ist fit und munter, etwas klapperig geworden. Aber er geniesst das Leben, und alle seine Freundinnen die zu ihm kommen und ihre Zuneigung zeigen. Er liebt es, den guten Onkel zu sein wenn Kitten da sind, er erzieht sie. Während der ganzen Zeit seiner Behandlung haben sich meine Kätzinnen rührend um ihn gekümmert, er war nie allein, immer war eine andere Katze bei ihm und hat ihn betütelt oder gewärmt. Es war einfach unbeschreiblich.



« Letzte Änderung: 17. Juli 2011, 00:00:04 von Thea »