Autor Thema: Das Abwehrsystem unseres Körpers: "Unsere Freunde"  (Gelesen 12835 mal)

Anonym

  • Full Member
  • ***
  • Beiträge: 138
Das Abwehrsystem unseres Körpers: "Unsere Freunde"
« am: 26. Oktober 2009, 18:42:44 »
An dieser Stelle ein ganz herzliches Dankeschön an Jeanette, dass sie sich die Mühe gemacht hat, doch recht komplizierte Vorgänge in verständliche Worte zu fassen und dafür, dass wir diesen Text hier veröffentlichen dürfen.
Es wird hoffentlich vielen dabei helfen können zu verstehen, was ein "unverständliches" Blutbild eigentlich aussagt und welche Vorgänge sich eigentlich hinter einigen "abstrakten" Zahlen und Begriffen verbergen.



   
      Unsere Freunde
      Das Abwehrsystem unseres Körpers

      Ein verständlicher Text von Jeanette Bachmann



Teil 1: Leukozyten

Ich habe mir Gedanken über unsere allerbesten Freunde gemacht, und die wir in der Regel kaum kennen. Die einzig sinnvolle und positive Armee dieser Welt. Kurz, ich habe mich mit dem Abwehrsystem unseres Körpers befasst und versucht, es in eine verständliche Sprache zu übersetzen. Vielleicht bekommt ihr ja so Lust, diese treuen Freunde mal kennen zu lernen.

Also, los geht's:

Jeder Körper - egal ob von Mensch oder Tier - hat seine eigene Armee, die unermüdlich darüber wacht, dass keine Eindringlinge von außen (Bakterien, Parasiten) uns schaden können oder gar ein Umsturz von innen (z.B. Krebs) stattfindet.

Diese Verteidigungsarmee besteht  erstmal ganz allgemein aus den "Leukozyten", ungefähr vergleichbar mit dem Begriff "Soldaten". Wie bei jeder Armee teilen sich natürlich auch diese "Soldaten" in eine Reihe verschiedener Divisionen auf mit unterschiedlichen Aufgaben. Sie unterscheiden sich schon äußerlich voneinander, und auch in  ihren jeweiligen Aufgaben. Jeder ist spezialisiert, und sie gehören alle zum  "unspezifischen" Immunsystem. Das heißt, sie stürzen sich auf alle Infekte  oder Entzündungen, die z. B. aufgrund von Gewebeverletzungen entstehen.

Angenommen, wir schneiden uns. Was  passiert dann?

Es dringen Bakterien ein, und die beabsichtigen nichts Gutes. Der Kampf beginnt:

Als erstes stürzen sich die Mastzellen, die im Gewebe ganz in der Nähe sitzen, auf die Eindringlinge. Aber auch die in der Nähe befindlichen Monozyten sausen herbei und dringen aus dem Blut ins Gewebe, dabei ändern sie gleich auch noch ihren Namen, sie werden ebenfalls  Mastzellen. Diese Mastzellen haben neben ihrem gesegneten Appetit noch andere nützliche Waffen: sie entleeren ihre Vorräte an Heparin und Histamin. Heparin verhindert die Blutgerinnung, und Histamin verursacht, dass sich das Blutgefäß an der Verletzungsstelle vergrößert, also weiterstellt. Dadurch erhöht sich  die Durchlässigkeit der Blutgefäße, und jetzt können sich auch Proteine aus dem Blut und der Körperflüssigkeit durch die Adern quetschen. Das Gewebe  schwillt an, es entsteht ein Ödem, das die Geschwindigkeit der Bakterien  abbremst. Damit ist jetzt die "erste Verteidigungslinie" aktiv. Aber das  reicht in der Regel nicht!

Ich stelle euch jetzt die "Soldaten Leukozyten" im Einzelnen vor, denn die haben natürlich längst mitbekommen, dass etwas im Argen ist, und ihre Hilfe gebraucht wird. Sie wetzen so schnell sie können an den Ort des Geschehens, und nach ein paar Stunden wimmelt es auf  dem "Schlachtfeld" nur so von ihnen. Dieses Heer unterteilt sich noch mal in Spezialisten.

Die größte Anzahl sind die "Granulozyten", so genannt, weil sie viele Granula = kleine Körnchen enthalten. Und auch die sind wieder unterteilt  und spezialisiert.

Unter dem Oberbegriff Granulozyten versammeln sich zuerst mal die Neutrophilen. Ihre Anzahl ist die Höchste. Bei Katzen sind das ca. 60 bis 78 Prozent. Sobald sie Bakterien identifizieren, heften sie sich dran (übrigens können auch sie aus der Blutbahn ins Gewebe überwechseln), wachsen und werden größer und größer bis sie die Feinde ganz umschließen und dann - bon appetit, sie sind unglaublich verfressen - sind die Bakterien verschluckt und werden durch Enzyme verdaut. Nach einer Infektion steigt die Zahl der Neutrophilen nach einigen Stunden natürlich mächtig an.

Die Stammzellen oder  auch Urzellen aller Leukozyten kommen aus dem Knochenmark. Und auch dort ist  die Botschaft: "Wir sind angegriffen worden" längst angekommen, und es wird  heftig Nachschub produziert und rausgeschickt. Der Abwehrkampf ist jetzt in die "zweite Verteidigungslinie" übergegangen.

Die nächst größere Gruppe sind die Eosinophilen, ca. 0 bis 6 Prozent bei der Katz. Die sind nicht so verfressen, sondern verfolgen andere Aufgaben, zu denen wir später kommen.

Dann gibt es noch eine ganz kleine Gruppe, die Basophilen, die bei Katzen sehr selten vorkommen und wenn, dann sind bis zu einem Prozent normal. Auch sie setzen Histamin und Heparin frei. Das sind also die "Granulozyten".

Nochmal zusammenfassend: Neutrophile, Eosinophile und Basophile. Es gibt aber auch noch Leukozyten ohne diese Körnchen, die sogenannten "agranulären Zellen". Das  sind die Monozyten und Lymphozyten. Die Anzahl der Monozyten liegt  normalerweise zwischen 0 und 4 Prozent, die der Lymphozyten bei 15 bis 38 Prozent (immer auf Katzen bezogen, denn das ist von Spezies zu Spezies verschieden).

Die Lymphozyten teilen sich wiederum auf in B- und  T-Lymphozyten. Dazu aber später, denn das ist Bestandteil der spezifischen  bzw. erworbenen Abwehr, und damit ein ganz eigenes Kapitel, vergleichbar mit  dem militärischen Abschirmdienst.

Zurück zu unserer Schnittwunde:

Dort  herrscht mittlerweile das große Fressen. Wenn die Verletzung oder Infektion größer ist, dann kann es sein, dass die Neutrophilenzahl einfach nicht mehr ausreicht. Jetzt werden die Monozyten im Blut aktiv und marschieren los, gehen   ebenfalls aus der Blutbahn raus ins Gewebe, schwellen an und unterstützen die Neutrophilen bei der Fressorgie. Die ganze Bande gehört zum weißen Blutbild, auch Differential genannt, da es die Aufteilung der Leukozyten beschreibt.

Ein Herr Schilling, von Beruf Hämatologe, hat bemerkt, dass der Verlauf der Leukozyten beim Abwehrkampf immer sehr ähnlich verläuft und die so genannte  "Leukozytenkurve" entwickelt. Die ist sehr hilfreich bei der Einschätzung, wo  die Armee sich jetzt gerade im Abwehrkampf befindet.

Also noch mal: Beim Schnitt in die Pfote sind die gesamten Leukozyten zu dem Zeitpunkt niedrig,war ja auch nicht nötig bisher, daß sie aktiv wurden oder gar Verstärkung  brauchten. Depression nennt man das. Das hat nichts mit dem Gemütszustand zu tun, sondern ist einfach nur eine Bezeichnung dafür, dass die Anzahl sehr niedrig ist.

Aber jetzt: Alaaarm - Bakterien dringen ein. Auf in den Kampf, die Leukozyten und Neutrophilen steigen enorm an, wir sind in der "neutrophilen Kampfphase".

Es kann sogar sein, dass der Kampf so heftig und intensiv ist oder auch schon so lange dauert, daß die reifen Neutrophilen, auch Segmentkernige genannt, nicht mehr ausreichen, dann schickt das Knochenmark  sogar schon die unreife Vorstufe, die Stabkernigen mit raus. Das nennt man dann eine "Linksverschiebung" - weil in einer von links nach rechts verlaufenden Reifeentwicklung der Neutrophilen die Stabkernigen vor den Segmentkernigen kommen, also links davon liegen. Ist also ganz einfach. Gleichzeitig sind weder Eosinophile noch Monozyten auf weiter Flur zu erblicken und die Lymphozyten ziemlich tief im Keller.

Aber jetzt: Wie oben  beschrieben merken die Monozyten: „Das geht so nicht weiter. Wir müssen den Neutrophilen ganz dringend unter die Arme greifen“ und sausen  von überall her in der Blutbahn heran, quetschen sich aus den Blutbahnen durch ins Gewebe, heißen ab jetzt Mastzellen und fressen los, was das Zeug hält. Damit sind wir in der "monozytären Abwehr" – wenn sie ausreicht, dann haben die Erreger keine Chance gegen die Übermacht unserer Körperabwehrarmee. Deutliches Zeichen dafür: Eine Monozytose, sprich, die Monozytenzahl steigt drastisch an.

Bald  darauf greifen dann auch die Eosinophilen an (sie sind damit beschäftigt, die Antigen-Antikörper zu zerstören, damit die nicht dazwischenfunken), und es kommt zu einer Lymphozytose, einer massiven Vermehrung der Lymphozyten. Das nennt man dann die "Lymphozytär-eosinophile Heilphase" oder poetischer ausgedrückt, die "Morgenröte der Genesung".

Wenn jedoch die oben beschriebenen, angeborenen unspezifischen Abwehrmaßnahmen nicht ausreichen, um eine Infektion zu bekämpfen, dann treten Gifte ins Blut über und lösen weitere Abwehrmechanismen aus. Dazu gehört dann Fieber und insbesondere auch die Lymphozytenreaktionen, jetzt kommt es zu den erworbenen oder den spezifischen Immunreaktionen.

Der "militärische Abschirmdienst", die Lymphozyten sind ein  extra Kapitel für sich. Sie sind die Spezialisten für erworbene Immunität und  auf ihnen beruht u.a. auch der Impfschutz. Sie teilen sich auf in B- und  T-Lymphozyten, und wenn Interesse besteht, dann will ich euch gerne erzählen,  wie diese Herrschaften ihr Tagewerk erledigen.
         
So, das ist die freundliche Armee in unserem Körper, die ständig über uns wacht und uns beschützt und so wie ich  ihre Zusammenarbeit verstanden habe. Da ich aber nur ein medizinischer Laie bin, kann ich natürlich keinerlei Garantie dafür übernehmen, dass ich das  alles auch fehlerfrei kapiert habe. Korrekturen von Fehlern sind also jederzeit willkommen.

Text:   ©  Jeanette Bachmann



Teil 2 : Lymphozyten

Hallo,
vielen Dank für die positive Resonanz, das  hat mich dann gleich zum zweiten Teil angeregt.

Heute geht es um die erworbene bzw. spezifische Immunabwehr oder - um im Militärjargon zu bleiben -: den militärischen Abwehrdienst, die Eliteeinheit, die Lymphozyten.

Die Lymphozyten werden genau wie die Leukozyten und alle anderen Blutzellen im Knochenmark geboren. Aber statt dort auch aufzuwachsen, wird ein Teil von ihnen noch in ihren Kindertagen in ein Spezialausbildungsinternat, die Thymusdrüse geschickt, damit sie dort von der Pike auf ihr spezialisiertes Handwerk erlernen können. Die dort Aufgewachsenen heißen dann folgerichtig T-Lymphozyten.

Die B-Lymphozyten leben weiter im Knochenmark, das "B" in ihrem Namen leitet sich aber von der "Bursa fabricii" ab, die nur Vögel haben.  Und wie kommt das, warum von einem Vogelorgan?

Lange wusste man nichts über die speziellen Aufgaben der Lymphozyten, sie waren bis in die 50er und 60er Jahre immer noch ein weißer Fleck in der Forschung. Bis dann Forscher herausfanden, wenn man die "Bursa fabricii" (das ist lymphatisches Gewebe, das Vögel in der Nähe ihrer Kloake haben), schon bei sehr jungen Vögeln entfernt, und sie später Viren aussetzt, sie keinerlei Abwehr entgegenzusetzen haben und sterben. Ebenso erging es Mäusen, denen man die Thymusdrüse in jungen Jahren entfernt hatte. Das ist so bei allen Tieren und trifft auch auf Menschen zu - wir werden bereits mit den Grundlagen unserer Immunabwehr, den Antikörpern, geboren und besitzen eine unglaubliche Menge davon, denn jeder einzelne Antikörper (sie werden auch Immunglobuline genannt) reagiert immer nur auf ein einziges Antigen, für das er die allein passende Waffe ist.

Die späteren Aufenthaltsorte, die dann die weitere Ausbildung und Betreuung der Lymphozyten übernehmen, sind die Lymphknoten. Davon sitzt jeweils ein Paar links und  rechts unter der Ohrregion (erinnert ihr euch, wenn ihr erkältet seid, dass  der Arzt da euren Hals seitlich abtastet und mit ernstem Gesicht sagt: "Aha, die Lymphknoten sind angeschwollen.") Ein weiteres Paar sitzt in den   Achselhöhlen und ein drittes in der Leistengegend. Weitere "Heimatorte" sind Milz, Leber und Darm, aber auch die Mandeln.

Zurück zu den B- und T-Lymphozyten. Sie kommen verschiedenen Aufgaben nach:

Die Schulung und das Training der B-Lymphozyten bezieht sich nur auf eine einzige Aufgabe: das Auffinden von Antigenen.

Antigene sind Proteine oder auch Mehrfachzuckermoleküle (so genannte Polysaccharide), die immer auf der Oberfläche z.B. von Bakterien, Viren, Pilzen usw. sitzen. Wenn wir uns verletzen, dann dringen zusammen mit den Bakterien auch diese Antigene Huckepack auf den Eindringlingen in unser Gewebe ein. Jetzt werden die B-Lymphozyten aktiv, denn darauf sind sie geschult worden. Sie kapieren sofort: "Aha, gehört nicht zu uns. Ein Feind, ein Eindringling. Auf zur „Attacke" und docken genau an die B-Lymphozyten, die den für diesen speziellen Eindringling passenden Schlüssel haben (auch Rezeptoren genannt) an. Damit sind die B-Lymphozyten aufmerksam, also "sensibilisiert" worden. Das ist jetzt die aktive Angriffsgruppe.

Und wie machen sie den Feind nieder? Sie benutzen eine alte Kriegstaktik, teilen sich auf und greifen von allen Seiten an. Zuerst stellen sie eine Menge Klone, sprich Vervielfältigungen, von sich her, und jeder dieser Klone produziert wiederum eine Menge individuell spezialisierter Antikörper gegen die Eindringlinge. Die Antikörper - ausgestattet mit den richtigen Schlüsseln - rennen los und gehen auf die Jagd im Körper, ihr Reisetransportmittel sind die Lymphbahnen und das Blut. Sobald sie ein Antigen erblicken, stürzen sie sich drauf, docken an und öffnen mit ihrem passenden Antikörperschlüssel die Tür ins Innere, und wieder heißt es: Guten Appetit!

Wenn die Antigene erfolgreich bezwungen wurden, dann nimmt die Zahl der Antikörper wieder ab. Aber nicht, ohne sich ganz genau die Struktur dieser speziellen Angreifer gemerkt zu haben. Denn erinnert euch: Jeder Antikörper ist nur auf ein einziges Antigen spezialisiert und bleibt inaktiv, wenn ein anderes Antigen auftaucht, das nicht zu seiner Rezeptorstelle passt. Das kann sich bei einer Erstinfektion mit unbekannten Antigenen über Tage und Wochen hinziehen, daher werden "Gedächtniszellen" angelegt. Dringt also ein bereits bekannter Erreger bzw. das gleiche Antigen wieder in unseren Körper ein, geht der Abwehrkampf sehr viel schneller voran, denn der Körper spart hier eine Vorstufe und kann mit Hilfe dieser Gedächtniszellen blitzschnell die Antikörper vervielfältigen  und angreifen. Darauf basieren auch die Impfungen.

Kleiner Ausflug in die Geschichte: Dem englischen Arzt Dr. Edward Jenner war das im 18. Jahrhundert aufgefallen. Die Pocken waren damals eine europaweit herrschende Plage. Es gab kaum einen Ort, an dem nicht durch Pockennarben entstellte Menschen lebten. Jenner fiel auf, dass Melkerinnen, die sich bei ihren Kühen mit den für Menschen harmlosen Kuhpocken infizierten, nur leichtes Fieber bekamen und Pusteln auf den Armen, die den gefährlichen Pocken ähnelten, aber bald wurden die Frauen wieder folgenlos gesund. Das spannende für ihn war, dass die Frauen, die die Kuhpockeninfektion durchlaufen hatten, von den echten Pocken nicht mehr krank wurden. Sie waren immun - auch wenn es diesen Begriff damals noch nicht gab.

Und jetzt tat er etwas, was uns heute gruseln lässt,  denn er begann mit Menschenexperimenten. Damals war das noch kein Problem. Er holte sich einfach die Kinder armer Leute als Versuchskaninchen. Er ritzte ihre Arme an und infizierte sie mit Kuhpocken. Die Kinder klagten am nächsten Tag über Fieber, Müdigkeit und hatten Pusteln, aber kurz darauf war alles wieder völlig abgeheilt. Und dann ritzte er die Pockenpusteln echter Pockenkranker an und übertrug die Flüssigkeit auf die vorher von ihm "geimpften" Kinder. Und siehe da, die Patienten durchliefen nur eine leichte Infektion und wurden wieder völlig und ohne Entstellung geheilt.

Das war das Werk der B-Lymphozyten - sie hatten sich bei der Kuhpockeninfektion genau gemerkt, wie die Erreger aufgebaut waren, sie bekämpft und anschließend Gedächtniszellen angelegt. Als dann die echte, gefährliche Pockeninfektion kam, war das Immunsystem vorbereitet und im Nu alarmiert. Die B-Lymphozyten konnten sofort und ohne Zeitverlust mit ihrem effektiven Abwehrkampf beginnen.

Oben habe ich das Wort "Immunglobuline" erwähnt, so heißen die Antikörper auch. Sie werden durch Buchstaben in fünf verschiedene Klassen unterteilt:

Da ist einmal das Immunglobulin „M",  abgekürzt IgM. Das ist sozusagen der Vorreiter, denn es wird bei einer Infektion als erstes rausgeschickt. Es ist das größte Globulin und verfügt über fünf Andockstellen auf Antigene, d.h., ein einziges Immunglobulin M kann gleichzeitig zehn Bakterien platt machen! Andere hingegen nur zwei.

Und warum brauchen wir jetzt noch die anderen Immunglobuline, wenn das eine so effektiv ist?
Der tapfere Kämpfer Immunglobulin M lebt leider nicht lange, nur fünf Tage, dann stirbt er und wird im Körper recycelt. Nun stellen die Zellen zwar eine Menge an IgM her, aber sie ist trotzdem begrenzt, und daher sind die IgM nicht lange im Blut vorzufinden.

Werden bei einer Untersuchung größere Mengen an IgM im Blut vorgefunden, kann man daher davon ausgehen, dass es sich hier um eine akute Infektion handelt.

Als nächstes, nach ca. drei Wochen, tritt dann das Immunglobulin „G" auf den Plan. Sollte es sich jedoch um einen bereits bekannten Wiederholungstäter handeln, dann tritt IgG gleich auf und IgM taucht gar nicht erst auf. Der Grund dafür sind die Gedächtniszellen!

Das IgG kann zwar nur zwei Bakterien gleichzeitig angreifen und vernichten, aber dafür lebt es erheblich länger als IgM, nämlich 23 bis 28 Tage, also vier bis fünf mal so lange wie das IgM.

Das IgG ist die mütterliche Mitgift bei der Geburt. Es dringt durch die Plazenta in das Kind und schützt es mit den  mütterlichen Antikörpern in den ersten Lebenswochen, bis der Babykörper eine eigene Abwehrarmee aufzustellen beginnt.

Taucht IgG auf, dann zeigt es häufig eine zurückliegende Infektion an, da es lange vorhanden ist. IgM und IgG leben überwiegend im Blut.

Anders das nächste Immunglobulin, das IgA. Das Immunglobulin A lebt und kämpft in verschiedenen Körpersekreten wie Milch, Tränen und Verdauungssäften. Es lebt zwar auch nur so kurz wie IgM, ist aber deshalb sehr wichtig, weil es Stellen erreicht, an die die anderen Immunglobuline nicht gelangen können, da sie ja im Blut schwimmen. Das IgA killt die Angreifer im Magen-Darm-Trakt, den Atemwegen, Augen und im Urogenitaltrakt. Und natürlich schützt es auch Babies, die gestillt werden, weil es in der Muttermilch vorkommt.

Das nächste Immunglobulin kann sowohl Freud als auch Leid für den Betroffenen bedeuten. Immunglobulin „E" kommt nur in ganz minimaler Menge im Blut vor. Es schützt vor Parasiten, wie z.B. Würmern und Allergenen. Wenn es Kontakt zu einem passenden Antigen bekommt, schüttet es Histamin aus. Dadurch tötet es die Erreger. Außerdem erweitert es die Gefäße, und der Weg wird leichter durchgängig für andere Immunzellen, wie die Leukozyten, wie wir im ersten Teil bereits gelernt haben. Es wirkt außerdem muskelkontrahierend, was die Ausscheidung der Erreger über Lunge und Darm erleichtert. IgE ist bei allen allergischen Reaktionen beteiligt.

Das  letzte Immunglobulin ist das Ig"D". Die Erklärung hierfür ist kurz: Man weiß noch nicht genau, welche Aufgaben es wahrnimmt. Aber es wird vermutet, dass es die B-Lymphozyten unterstützt, denn es sitzt Huckepack auf ihnen und kreist mit ihnen durchs Blut.

Jetzt kommen die anderen Spezialisten, die T-Lymphozyten. Das "T" bezieht sich in diesem Fall auf die Thymusdrüse, in der sie ihre Ausbildung erhielten. Ihre Wirkungsweise wurde erst in den 60er Jahren entdeckt! Sie unterscheiden sich von den B-Lymphozyten dadurch, dass sie keine Immunglobuline haben. Wenn es der unspezifischen Abwehr (Leukozyten und Untergruppen) und den B-Lymphozyten nicht gelingt, einen Erreger abzutöten, dann kommen sie ins Spiel. Sie gehören zur "zellulären" Abwehr, und greifen die fremden Zellen direkt an und zerstören sie. Die T-Lymphozyten sind auf die Abwehr von langsam wirkenden Bakterien und Pilzinfektionen spezialisiert. Die T-Lymphozyten sind auch die Hauptabwehr gegen transplantierte Organe, und sie zerstören auch Tumorzellen. Bei Bakterien bilden sie das sogenannte Lysozym, mit dem lösen sie die Zellwände der Bakterien auf.

Aber gegen Viren müssen sie anders vorgehen - mit Zytokinen, auch Immunbotenstoffe genannt. Dazu gehören verschiedene Arten von Interleukin und Interferon. Das ist wiederum ein eigenes umfangreiches Kapitel, dessen Erklärung hier zu weit führen würde.

Die T-Lymphozyten sind  die Generäle der Schlacht: Sie sind es, die das Signal für den Angriff geben, ihn abblasen und die Wachen aufstellen, die darauf achten, dass der Feind nicht unbemerkt wieder angreift. Und das machen sie, indem sie ihre T-Zellen in vier wirksame Einheiten aufsplitten:

T-Helferzellen, T-Suppressorzellen, T-Gedächtniszellen und T-Killerzellen.

Die B-Lymphozyten können alleine nicht wirksam werden, sie brauchen die Hilfe ihrer Kumpel, die daher T-Helferzellen heißen. Sie koordinieren und aktivieren die anderen  Abwehrzellen. Ständig kreisen sie in unserem Körper und halten Ausschau nach Feinden. Sobald sie welche auftreiben, aktivieren sie die B-Lymphozyten und die Killerzellen der T-Lymphozyten. Die T-Suppressorzellen haben die wichtige Aufgabe, darauf zu achten, dass die Immunreaktion nicht unkontrolliert aus dem Ruder läuft. Wenn es reicht, dann schreiten sie ein: "Halt, Schluss jetzt, es reicht!"Die Gedächtniszellen speichern sorgfältig jede einmal gelernte Immunreaktion ab. Taucht ein bereits bekanntes Antigen wieder auf, lösen die T-Gedächtniszellen ganz schnell eine gezielte Abwehr aus. Das ist tragisch bei transplantiertem Gewebe, aber sehr nützlich bei Bakterien, Viren und Pilzen.

Und jetzt die Killerzellen. Wenn sie bei ihrer Suche durch Blut und Lymphe plötzlich Antigene finden, auf die ihr Rezeptor passt, dann docken sie an das feindliche Antigen an und schicken Lysosom (das ist eine Ansammlung verschiedener Enzyme) ins Zellinnere. Großes Heulen und Wehklagen, denn das sind verschiedene Eiweißstoffe, die die feindlichen Zellen auflösen und zerstören.

Text:   ©  Jeanette Bachmann, Januar 2006. Überarbeitet im September 2009.
 
 Copyright für beide Teile von "Unsere Freunde" ist:

"Copyright Jeanette Bachmann - gewidmet   Humphrey, 9,5 Monate alt und  Phoenix, 2,5  Jahre alt, meine geliebten Kater, die ich beide innerhalb von 6 Wochen im Jahr  2005 verlor"
« Letzte Änderung: 26. Oktober 2009, 21:22:25 von Thea »